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Prof. Dr. Marlene Amstad – Nachlese

School of Management and Economics, The Chinese University of Hong Kong, Shenzhen,Co-Director Center for Financial Technology, Shenzhen Finance Institute (SFI)

Chinas Finanzmärkte verstehen

Die Statistisch-Volkswirtschaftliche Gesellschaft Basel eröffnet das neue Jahr mit einem Referat von Prof. Dr. Marlene Amstad zum Thema «Chinas Finanzmärkte verstehen». Zu Beginn werden Marlene Amstad und die zahlreich erschienenen Gäste von Dr. Gottlieb A. Keller, Präsident der Statistisch-Volkswirtschaftlichen Gesellschaft Basel, freundlich begrüsst. Einleitend gewährt der Präsident dem interessierten Publikum einen Einblick in die eindrucksvolle Vita von Professorin Amstad und betont dabei die Massgeblichkeit ihrer Arbeit in der Entwicklung neuer ökonomischer Indikatoren für Politiker, Nationalbanken und Investoren. Derzeit ist Marlene Amstad unter anderem für die Chinese University of Hong Kong (Shenzhen) tätig. Begleitet von grossem Applaus betritt die Referentin die Bühne und bedankt sich für die Einladung nach Basel.
Einführend verweist Marlene Amstad auf das breite Meinungsspektrum hinsichtlich China und den chinesischen Finanzmärkten. Befürworter stufen China und die chinesischen Finanzmärkte als relevant ein und schätzen die Grösse und den guten Marktzugang. Kritiker stufen China und seine Finanzmärkte als nicht konkurrenzfähig ein und bemängeln gerade den Zugang und die Struktur des chinesischen Marktes. Dabei verweisen chinakritische Meinungsgruppen auf Blasen an den chinesischen Finanzmärkten, welche zu platzen drohen. Marlene Amstad möchte im Verlauf des Referates illustrieren, dass trotz unterschiedlichen Meinungen keine Extrempositionen eingenommen werden sollen und verweist in diesem Zusammenhang auf das grundlegende Ziel des Referates, Chinas Finanzmärkte differenziert zu betrachten und zu verstehen.
Anhand einer Übersicht der Entwicklung des Bruttoinlandproduktes verschiedener Länder über den Zeitraum der vergangenen 2000 Jahre, verdeutlicht die Referentin, dass China im Vergleich zur USA beim Weltwirtschaftswachstum kontinuierlich führend war. Das starke Wachstum war nicht zuletzt von Chinas Innovationskraft geprägt. In jüngerer Zeit spielen Faktoren wie Datenmanagement und Digitalisierung eine zentrale Rolle bei der Entwicklung von China. Eine weitere eindrückliche Statistik ist in den letzten 50 Jahren der massive Rückgang der Armut in China. Daraus wird ersichtlich, dass das Wirtschaftswachstum auch bei der breiteren Bevölkerungsschicht angekommen ist. Auch erstaunt nicht, dass fünf der zehn weltweit grössten Banken mittlerweile chinesisch sind, denn Banken sind für die wirtschaftliche Entwicklung ein wichtiger Treiber.
Von makroökonomischen Betrachtungen geht Professorin Amstad zur genauen Beschreibung der chinesischen Finanzmärkte über. Dabei bilden der Aktien- und der Obligationenmarkt die wesentlichen Grundpfeiler des chinesischen Finanzmarktes. Zuerst geht sie auf die Grösse des Aktienmarktes ein und zeigt erneut auf, dass je nach Definitionsrahmen unterschiedliche Standpunkte eingenommen werden können. Beim Grössenvergleich muss berücksichtigt werden, dass in den USA die ganze Welt mitinvestiert während an den chinesischen Finanzmärkten zurzeit hauptsächlich chinesische Investoren sind. Neben der Grösse ist die Liquidität ein wichtiges Kriterium für das Funktionieren des Aktienmarktes. Gerade in Bezug auf die Liquidität hat China andere Finanzmärkte weitaus überholt. Doch auch Chinas Bondmarkt imponiert als drittgrösster der Welt und bildet eine wichtige Plattform essentieller Reformbestrebungen, vor allem für die Regulierung des Schattenbanksystems und die Liberalisierung der Zinssätze.
Um die wirtschaftliche Entwicklung Chinas noch spezifischer darzustellen, äussert sich Marlene Amstad schliesslich zu FinTech, einer Technologie, die asiatisch ist und auf die chinesische Entwicklung zurückzuführen ist. Dabei sind vier chinesische Erfindungen des 21. Jahrhunderts (Hochgeschwindigkeitszüge, mobile Zahlungsmethoden wie Alipay, der Onlinehandel und der Fahrradverleih per App), die alle auf demselben Prozess der Datensammlung, -analyse und -verwendung basieren, prägend. In diesem Kontext erklärt Marlene Amstad, dass Innovationszyklen in China zügig vorangehen, jedoch auch zu Exzessen führe können. Jüngste Entwicklungen zeigen auf, dass FinTech-Plattformen auch ein erhöhtes Missbrauchsrisiko darstellen.
In einem Ausblick geht Prof. Dr. Marlene Amstad auf die Frage ein, wie sich China in den kommenden 30 Jahren entwickeln wird. Dabei stellt sie fest, dass sich China von einem aktuell innovativen Land, bis zum Jahre 2050 zu einem stark innovativen Land weiterentwickeln will. Für die Schweiz bedeutet dies, dass sie aktiv an diesem Innovationsprozess partizipieren sollte. China beeinflusst die Schweiz in vielerlei Hinsicht massgeblich, so auch im Finanzmarktbereich. Damit ist es für die Schweiz von Vorteil, bereits vorhandene Kenntnisse über das in Grundzügen bekannte Land zu erweitern. Schliesslich lasse sich, gemäss Marlene Amstad, das Vorhandensein ausreichender Kenntnisse über China nicht einfach delegieren.

Verfasserin: Julia Jankovic, 21.01.2019, RealWWZ

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