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Prof. Roberto Simanowski – Nachlese

Medientheoretiker und Kulturwissenschaftler, Pontifícia Universidade Católica do Rio de Janeiro

Facebook-Gesellschaft: Wie schuldig ist Mark Zuckerberg wirklich an Trumps Wahlsieg?

Auch ein Jahr nach der Wahl von Donald Trump zum 45. US-Präsidenten sorgen die Wahlen noch für grossen Diskussionsstoff. Herr Dr. Markus Metz, Präsident der Statistisch-Volkswirtschaftlichen Gesellschaft Basel, verweist auf den Vortrag von Prof. Dr. A. Gloor, der vor gut einem Jahr die Begründung in der Schwarmintelligenz suchte. Heute stellt Herr Prof. Dr. Roberto Simanowski als Gastreferent einen neuen Ansatz vor. Er wird mit grossem Applaus auf der Bühne empfangen.

Professor Simanowski bedankt sich freundlich beim zahlreich erschienen Publikum. Auf wissenschaftlich reflektierte Weise möchte er die Schuld Facebooks, respektive dessen Gründers, Mark Zuckerbergs, erörtern. Er betont dabei, dass Herr Zuckerberg nicht per se im Vordergrund stehe, vielmehr gehe es um eine prinzipielle Änderung des gesellschaftlichen Grundverständnisses durch soziale Medien.

Zuerst kommt Herr Simanowski auf die Schuldunterschiebung zu sprechen. Die Sicht vieler reflektierender Zeitgenossen auf die sozialen Medien hat sich durch Gegebenheiten wie «Fake-News», «Hasskommentare» und «Filterblasen» zum Negativen verändert. Naheliegend scheint es deshalb, Facebook-Gründer Mark Zuckerberg zumindest teilweise dafür verantwortlich zu machen. Sicherlich ist Facebook konzeptionell ein Technikunternehmen, das nicht für seinen Inhalt zur Rechenschaft gezogen werden kann – genauso wenig wie eine Telefongesellschaft für den Inhalt der Gespräche verantwortlich ist. Facebook führt als öffentliches Medium jedoch unumgänglich zu Aufforderungen, die nur durch aktives Handeln gestoppt werden können. Problematisch ist auch die redaktionelle Auswahl durch den von Facebook erstellten intransparenten Filter. Phänomene wie die Filterblase seien ein menschliches Problem, wird seitens Facebook argumentiert. Laut Prof. Simanowski macht es sich Herr Zuckerberg mit einer solchen Schuldumkehr jedoch zu einfach.

Ein etwas stärkeres Schuldbekenntnis zeigt Ex-Facebook-CEO Chamath Palihapitiya, der von Herrn Simanowski zitiert wird. Er spricht von einer Ausnutzung psychologischer Schwachstellen mittels eines «Seductive Design», das es für den Nutzer besonders schwierig macht, zu widerstehen. Ein Beispiel sind die rot aufleuchtenden «Notifications», die zu solch einem Dopamin-Missbrauch der Facebook-Nutzer führen.

Definitiv ist es nicht bloss das Geschäftsmodell von Facebook, Blickkontakte virtueller Freunde und Engagement zu verkaufen. Von der Ästhetik des Spektakels profitierten viele Medienunternehmen schweigsam. Im Zentrum steht letztlich der Aktionärsnutzen, nicht die Aufklärung des Bürgers. In diesem Sinne ist es nicht verkehrt, Nutzer zurück zu ihrem Produkt zu führen. Rhetorisch fragt Herr Simanowski die anwesenden Gäste, was sie anders gemacht hätten, wenn sie Facebook erfunden hätten. Daraufhin zitiert er Herrn Julian Rosenstein, seinerseits Mitentwickler des berüchtigten «Like-Buttons». Dieser meint hierzu, dass Menschen Dinge mit guter Absicht entwickeln, die dann missbraucht werden.

Problematisch ist jedoch insbesondere, dass die nuancierte Meinungsabwägung zunehmend abgewöhnt wird. Denn der «Like-Button» verlangt keine Urteilsbegründung. Er folgt lediglich dem Impuls des Gefühls, das Ergebnis reflektiert eine spontane Emotion. Mark Zuckerberg wäre in diesem Sinne mitschuldig, da er auf eine Folgenabschätzung verzichtete und gewissermassen ein Realexperiment durchführte. Das Urteil der groben Fahrlässigkeit revidiert Herr Sinn jedoch gleichermassen wieder mit dem Hinweis, dass die Aktionäre keine Geduld hätten für eine detaillierte Folgenabschätzung.

Im Bewusstsein, noch kein definitives Urteil fällen zu können, erweitert Prof. Simanowski den Gedankengang auf die kulturphilosophische Ebene. Er zitiert Immanuel Kant, der indirekt proklamierte, dass die Menschen sich durch ihre Vernunft von anderen Lebewesen abgrenzen können. Die Vernunft müsse deshalb bis zur Perfektion hin ausgebessert werden. Herr Simanowski erklärt, dass zu spekulieren bleibt, ob Immanuel Kant in der künstlichen Intelligenz eine Form des verbesserten Gebrauchs dieser Vernunft sehen würde oder doch eine Form des Versagens, da das Mittel der Vernunft an nichtlebende Entitäten weitergegeben wird. Er kommt zugleich auf das grosse Gefahrenpotential der künstlichen Intelligenz zu sprechen, die im Extremfall uns gar zu erdrücken droht. Man stelle sich hierzu vor, dass der Kühlschrank mittels künstlicher Intelligenz bei Knappheit automatisch aufgefüllt wird – ein Szenario, das sich wohl jeder wünscht. Spätestens jedoch wenn die persönlichen Daten bei ungesundem Ess- und Trinkverhalten an die Versicherung und den Arbeitgeber weitergeleitet werden, kann dies so manchem unangenehm werden. Dieses noch relativ harmlose Beispiel kann sehr schnell zu Szenarien ausgeweitet werden, in denen Daten für terroristische oder erpresserische Zwecke verwendet werden. Der Datenschutz könne kaum mehr kontrolliert werden. Der Mensch wird durch die Ausübung seiner Macht über die Natur hiermit zum Opfer seiner Macht.

Das Urteil über Herrn Zuckerbergs Schuld bleibt offen. Die Gesellschaft darf sich jedoch nicht zufriedengeben mit der Argumentation, dass es über seinen Fähigkeiten liege, die Konsequenzen zu verhindern. Möglichkeiten der Verbesserung gibt es viele. Herr Simanowski nennt beispielsweise den Einbezug einer Experten-Algorithmiker-Gruppe, die untersucht, ob Daten auf ethisch korrekte Weise verwendet werden. Dies würde die Transparenz erhöhen und den Nutzern Einsprachemöglichkeiten gewährleisten. Entscheidend ist auch, dass die Menschen eine Medienreflektionskompetenz entwickeln, anstelle einer blossen Mediennutzungskompetenz. Dies sollte bereits an Schulen und Universitäten gelehrt und gelernt werden. Die Kultur des konzentrierten Lesens und der kognitive Aktivismus dürfen nicht aufgegeben werden, denn nur so kann letztlich eine gewisse Sensationsresistenz entwickelt werden.

Verfasser: Marco Hürzeler, 30.01.2018, RealWWZ

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