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Prof. Roberto Simanowski – CV

Medientheoretiker und Kulturwissenschaftler, Pontifícia Universidade Católica do Rio de Janeiro

Facebook-Gesellschaft: Wie schuldig ist Mark Zuckerberg wirklich an Trumps Wahlsieg?

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SVG: Ist Zuckerberg an Trumps Wahlsieg schuldig?

Roberto Simanowski: Ja und nein. Nein, wenn es darum geht, dass sich auf Facebook Trumps Anhänger organisiert und Fake News über Hillary Clinton verbreitet haben. Dafür kann man Zuckerberg nicht wirklich verantwortlich machen. Die Massenmedien, die deswegen Ende 2016 auf ihn dreinschlugen, wollten damit zum Teil nur davon ablenken, dass sie selbst Trump bereitwillig eine Plattform boten, weil er ihre Werbeeinnahmen vervielfachte.

SVG: Aber Geld verdient Zuckerberg mit Facebook auch.

RS: Ja, und insofern er die Kommunikationsbedingungen auf Facebook genau auf diesen Zweck ausrichtet und dabei die Grundlagen politischer Meinungsbildung zerstört, trifft ihn auch die Schuld, der Denkkultur eines Trump den Boden zu bereiten.

SVG: Sie meinen die Filterblase?

RS: Die Filterblase, aber auch den Like-Button und den numerischen Populismus, den Facebook uns gebracht hat. Das sind ja Phänomene, die eher das Sensationelle und Grobe fördern als das Komplexe und Komplizierte. Facebooks Verbrechen liegt nicht darin, Falschmeldungen und Hassreden zu produzieren oder zuzulassen, sondern die Kommunikationskultur zu schaffen, die für eben solche Beiträge anfällig macht.

SVG: Werfen Sie Zuckerberg oder Facebook die Erfindung des Like-Button vor?

RS: Jein. Ich unterstelle ihm nicht, dass er ihn von Anfang an als Dopamin-Schleuder sah, die perfekt für Facebooks Geschäftsmodell ist. Ich glaube durchaus, dass der Like-Button von seinen Erfindern reinen Herzens als ein völliges cooles Feature entwickelt wurde. Man hat nur eben keinerlei Technikfolgenabschätzung unternommen. Deswegen sehe ich hier eher den Tatbestand der groben Fahrlässigkeit als der vorsätzlichen Schädigung.

SVG: Also ist Zuckerberg unschuldig schuldig wie Ödipus?

RS: Gewissermaßen, wobei mich die Sache eher an Dürrenmatts Physiker erinnert, nur dass Zuckerberg halt nicht ins Irrenhaus flieht. Aber sonst ist es schon so: Seine Erfindung fiel in die Hände der Menschen und richtete das Unheil an, das vorauszusehen war.

SVG: Also sind die Menschen selber schuld?

RS: Und die Gesellschaft, die sie so sein lässt, wie sie sein wollen. Denn am Ende ist keine Technik besser als die Gesellschaft, von der sie erfunden wird.

SVG: Was raten Sie?

RS: Wirkliche Medienbildung. Wenn die Gesellschaft die potenziellen und bereits realen Konsequenzen der digitalen Revolution nicht umfassend diskutiert, sondern sich nur darauf vorbereitet, die neuen Technologien effektiv und sicher zu benutzen, dann lädt sie selbst die meiste Schuld auf sich. Hier stehen also die Politik und das Bildungsministerium in der Pflicht.

SVG: Also gibt es ein Happyend?

RS: Vielleicht.

 

Roberto Simanowski studierte ursprünglich Literatur- und Geschichtswissenschaft und promovierte in der Literaturwissenschaft mit einer Arbeit zur Massenkultur um 1800. Als Research Fellow an der Harvard University wandte er sich dem Thema Literatur und Internet zu, was 2002 zu einem Buch über das Schreiben im Netz führte.

Nach Forschungsaufenthalten an Universitäten in Seattle und Jena nahm er eine Professur am Department of German Studies an der Brown University in Providence, USA, an. 2010 habilitierte er sich in der Medienwissenschaft mit einer Arbeit zur Kunst in digitalen Medien und wechselte an das Institut für Medienwissenschaft der Universität Basel, das er 2014 für eine Professur für Digital Media Studies und Digital Humanities an der City University of Hong Kong verliess. Im Herbstsemester 2017 war er Gastprofessor an der PUC in Rio de Janeiro, im Frühjahrssemester 2018 hat er eine Gastprofessur an der Universität Basel inne.

Simanowski hat mehrere Bücher zu Kunst, Kultur und Politik der digitalen Medien in Deutschland und den USA veröffentlicht. Zuletzt erschienen „Data Love“ (2014, zugleich University of Columbia Press 2016), „Abfall. Das alternative ABC der neuen Medien“ (2017, zugleich MIT Press Herbst 2018), „Facebook-Gesellschaft“ (2016, zugleich University of Columbia Press Sommer 2018) und „Digital Humanities and Digital Media. Conversations on Politics, Culture, Aesthetics, and Literacy“ (2016). Im März 2018 erscheint „Stumme Medien. Vom Verschwinden der Computer in Bildung und Gesellschaft“.

Infos zum Referat von Prof. Roberto Simanowski

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