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Professor Dr. Rudolf Taschner – Nachlese

Institut for Analysis and Scientific Computing, Technische Universität Wien

"Mathematik als Leuchtfeuer der Aufklärung"

Mit viel Applaus wird Professor Rudolf Taschner in der fast bis auf den letzten Platz gefüllten Aula des Kollegiengebäudes begrüsst, nachdem ihn Herr Dr. Edouard H. Viollier, Präsident, dem gespannten Publikum kurz vorgestellt hat.

Der Professor aus Wien in Anzug und Krawatte, randloser Brille und rechtwinklig an die hohe Stirn gezogenem Scheitel erinnert an einen gütigen Mathelehrer alter Schule. Und sofort gewinnt er die Aufmerksamkeit seiner Zuhörer, als er mit seinem freundlichen österreichischen Akzent beteuert, welche Ehre es ihm sei, in Basel – der Heimatstadt mathematischer Grössen wie den Bernoullis oder Euler – einen Vortrag mit dem Titel ‘Mathematik als Leuchtfeuer der Aufklärung‘ halten zu dürfen.

Wie eng die Aufklärung mit der Mathematik verknüpft ist, zeigt er gleich zu Beginn anhand eines Beispiels von einem Bauern im Mittelalter, der, um herauszufinden wie viele Pfund Weizen er diesen Sommer geerntet hat, sich in die Stadt zum Rechner begibt. In blindem Vertrauen legt der Bauer dem Rechner sein mathematisches Anliegen, eine simple Multiplikation zweier mehrstelliger Zahlen, vor. Am Hellraumprojektor erklärt Prof. Taschner, dass es sich bei der scheinbar einfachen Rechnung aufgrund der römischen Schreibweise um ein für den Laien nur schwer lösbares Rätsel handelt. Das Lesen der römischen Zahlen, was für den Ungeübten ein wenig Zeit braucht, stellt dabei das geringste Problem dar. Er zeigt, dass einfache Rechenoperationen ohne das heute allgemein verwendete indisch/arabische Ziffernsystem, welches damals in Europa noch grösstenteils unbekannt war, einfache Menschen, wie den Bauer in unserem Beispiel, vor eine unlösbare Aufgabe stellte. Deshalb gab es damals auch noch Berufe wie den Rechner, die gegen Bezahlung die vermeintlich simplen Rechenprobleme der einfachen Bürger löste.

Erst im Zuge der Aufklärung, durch die Einführung des um vieles einfacheren indisch/arabischen Ziffernsystems und der Veröffentlichung von Rechenbüchern, konnten die einfachen Bürger sich aus dieser Abhängigkeit befreien. Oder wie Kant es sagte: Der Mensch konnte aus seiner Unmündigkeit heraustreten.

Vom Mittelalter wechselt der Professor sofort zur Gegenwart, indem er das blinde Vertrauen des Bauern in die mysteriösen Künste des Rechners mit unserem heutigen Vertrauen in die Algorithmen von Taschenrechnern und Computern vergleicht. Zu Recht würde heutzutage auch für einfache Multiplikationen sofort ein Taschenrechner zur Hand gezogen. Auch hier erklärt auch er seinem Publikum leicht verständlich, wie genau ein Computer eine einfache Rechenaufgabe mit dem Umcodieren in das Binärsystem löst.

Was jetzt sehr kompliziert klingen mag, erklärt Prof. Taschner auf eine spielerische Weise, sehr einleuchtend und zudem mit viel Humor sowie Enthusiasmus. Dieser Humor und die spürbare Begeisterung des Professors für sein Fachgebiet ziehen sich durch den ganzen Vortrag, so dass so manch ein Zuhörer überrascht ist, wie schnell die Zeit vergeht und der Vortrag sich schon dem Ende neigt.

Zum Schluss ermahnt Herr Prof. Taschner sein Publikum, dass uns die Mathematik zwar in vielerlei Hinsicht unabhängig gemacht hat und uns geholfen hat, aus unserer Unmündigkeit herauszutreten. Jedoch sollten wir uns hüten, zu glauben, dass wir Menschen alles mit unserem Verstand erklären könnten. Viele bekannte griechische Philosophen und Mathematiker aus der Antike, wie Pythagoras oder Heraklit, hielten sich selbst für Götter und glaubten, dass man allein durch Mathematik und seinen Verstand letztendlich alles erklären könne.

Professor Rudolf Taschner mahnt hingegen zur Bescheidenheit und beteuert, dass gerade die Mathematik uns sehr schnell aufzeigen kann, wo die Grenzen des menschlichen Denkens sind und wir uns damit abfinden müssen, dass wir gewisse Rätsel niemals werden lösen können …

 

Verfasser: Nathanael Berger (RealWWZ, 22.09.2014)

 

 

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