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Dr. Konrad Hummler – Nachlese

St. Gallen

“Realwirtschaft und Finanzsystem: Werden die Karten neu gemischt?”

In der bis auf den letzten Platz besetzten Aula des Kollegiengebäudes der Universität Basel beehrte Dr. Konrad Hummler die Statistisch-Volkswirtschaftliche Gesellschaft mit seinem Referat zum Thema „Realwirtschaft und Finanzsystem: Werden die Karten neu gemischt?“.

Das Referat hielt Konrad Hummler sehr gekonnt und mit Humor, so erwähnte er gleich zu Beginn, dass er der erste „Bad Banker“ sei der für die Statistisch-Volkswirtschaftliche Gesellschaft referiere. Einleitend erklärte Konrad Hummler die Schwierigkeiten in der sich das Finanzsystem befindet und eröffnete das Referat mit der Frage, ob die Wirtschaftsstruktur mit dem Subsystem Finanzbereich noch funktioniere.

Dieser Frage wollte er in Anlehnung an eine Diagnose eines medizinischen Problems nachgehen und er gliederte sein Referat deshalb in folgende Unterthemen:

– Funktionen des Finanzsystems
– Krankheitssymptome
– Lichtblicke
– Zukunft

Funktionen des Finanzsystems
Wichtige Funktionen des Finanzsystems sind Transferfunktionen und Transformationsfunktionen, wobei die Transformationsfunktionen in Losgrössen-, Fristen- und Risikotransformationen unterteilt werden. Für die Realwirtschaft ist jedoch die Transferfunktion des Finanzmarktes von weitaus grösserer Bedeutung als die Transformationsfunktionen. Es geht hierbei um die Frage, wem gehört was zu welcher Zeit. Und dies sei auch die eigentliche Wertschöpfung des Finanzsektors, so Konrad Hummler. Beispielsweise könne man es sich als Rohrsystem vorstellen, die eine Stadt versorge.

Krankheitssymptome
Konrad Hummler wies in seinem Referat auf einige Probleme im heutigen Finanzsektor hin. So sei der Finanzsektor schlicht zu gross, was auf die seit langem tiefen Zinsen zurückzuführen sei. Weiter thematisierte Konrad Hummler die hohe Fehlerraten und die vielen Skandale, die gerade im Finanzsektor, wo Vertrauen enorm wichtig ist, schwerwiegende Folgen haben könne. Ein weiterer Faktor, der zu grosser Unsicherheit führen kann, ist die Tatsache, dass heute Regierungen über Schuldenschnitte entscheiden können was die Planbarkeit von Investitionen zusätzlich erschwert. Ein weiterer zu kritisierender Punkt ist die Ausgestaltung des für Stabilität sorgenden europäischen Rettungsschirms. Es gibt diverse Faktoren, wie zum Beispiel die Problematik, dass die gegebenen Garantien die Zusicherungen bei weitem übersteigen, die dazu führen können, dass dieser selbst in Schieflage geraten könne und wer dann dieser rettet sei dahingestellt. Grosse Unsicherheit herrscht betreffend den aufgeblähten Bilanzen der Notenbanken. Hier handelt handle es sich um eine Operation am offenen Herz, so Hummler. Mit diesen Problemen habe man noch keine Erfahrung und befindet sich hier in einem nicht unbedeutenden Experiment.

Lichtblicke
Der Obligationenmarkt im Bereich der Unternehmensschuldner sei stabil und funktioniere gut.
Ebenso sind die Unternehmen, bis auf KMU-Stufe hinunter, finanziell stabil. So zeigen die meisten Unternehmen trotz wirtschaftlicher Schieflage eine relativ gute Rezessionsresistenz.

Zukunft
Der heutigen Regulations-Flut steht Konrad Hummler kritisch gegenüber, da es für ihn eine Illusion ist, die Regulatoren als ein exogenes Organ zu begreifen, viel mehr stellt er die Unabhängigkeit der Regulatoren in Frage. Es gehe darum in welcher Qualität und Quantität reguliert werde, damit beispielsweise die Transaktionskosten nicht ins Unermessliche steigen. Ein Weg den der Finanzsektor gehen könnte, wäre die Aufteilung der Banken nach dem Kriterium der Transferfunktion und der Transformationsfunktion. Es bräuchte einen sogenannten Backbone für Transferfunktionen, so Hummler.

Verfasser: Nicolas Müller (RealWWZ)

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